Episode 122: Crisis Fatigue – Shownotes

Inhalt dieser Folge

In dieser Episode geht es um Crisis Fatigue – also um die schleichende Krisenmüdigkeit, die nach wiederholter Belastung Wahrnehmung, Kommunikation und Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigen kann. Ich zeige, warum dieses Phänomen kein Zeichen von Schwäche ist, sondern eine reale Folge von Dauerstress, die gerade in Krisenteams oft zu spät erkannt wird. Außerdem beschreibe ich typische Warnsignale im Team, erläutere die Parallelen zur Luftfahrt und stelle vier konkrete Ansätze vor, mit denen Führungskräfte Krisenmüdigkeit wirksam begegnen können.

Wichtige Punkte

  • Crisis Fatigue ist kein persönliches Versagen, sondern ein physiologisches und psychologisches Phänomen nach wiederholter Krisenexposition.
  • Dauerstress verändert Leistung schleichend: Wahrnehmung, Urteilsvermögen und Entscheidungsfähigkeit lassen nach, oft ohne dass Betroffene es selbst sofort bemerken.
  • Betroffen sind häufig gerade die Leistungsträger – also jene Personen, die besonders viel Verantwortung übernommen und besonders lange funktioniert haben.
  • Warnsignale zeigen sich auf drei Ebenen: im Verhalten, in der Kommunikation und in der Qualität von Entscheidungen. Typische Hinweise sind sinkendes Engagement, mehr Zynismus, weniger Widerspruch und impulsivere oder verzögerte Entscheidungen.
  • Das aus der Luftfahrt bekannte „Chilled Cockpit“ hat auch im Krisenstab eine Entsprechung: Wenn niemand mehr widerspricht und alles nur noch abgenickt wird, ist das kein gutes Zeichen von Einigkeit, sondern ein mögliches Warnsignal.
  • Decision Fatigue verschlechtert die Qualität von Entscheidungen. Gerade in Krisen, in denen laufend unter Druck entschieden werden muss, steigt damit das Risiko für Fehlentscheidungen.
  • Selbstwahrnehmung leidet mit: Wer stark betroffen ist, merkt oft selbst zuletzt, dass die eigene Leistungsfähigkeit bereits nachgelassen hat.
  • Entscheidend ist, das Thema aus der Tabuzone zu holen und strukturell darauf zu reagieren – nicht erst dann, wenn Schlüsselpersonen ausfallen oder Fehlentscheidungen bereits passiert sind.

Zitate aus der Episode

  • „Crisis Fatigue ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein physiologisches und psychologisches Phänomen.“
  • „Das ist keine Frage des Willens. Das ist Biologie.“
  • „Betroffen sind oft die Besten — die, die sich am meisten eingebracht haben.“
  • „Wenn im Krisenteam niemand mehr widerspricht und alle nickend zustimmen — Vorsicht.“
  • „Eine Organisation, die ihre Teams bis zur Erschöpfung treibt und dann erwartet, dass sie im nächsten Notfall Bestleistung bringen, betreibt keine Krisenvorsorge. Sie betreibt Raubbau.“
  • „Führung bedeutet nicht Unverwundbarkeit. Führung bedeutet, die eigene Verfassung so zu managen, dass man in der Krise zuverlässig ist.“

Empfohlene Maßnahmen

  • Krisenmüdigkeit explizit ansprechen und das Thema in reguläre Teamgespräche integrieren – nicht als Befindlichkeitsrunde, sondern als operative Statusabfrage.
  • Erholungsphasen aktiv einplanen, statt darauf zu hoffen, dass es irgendwann „von selbst ruhiger wird“. Entlastung ist kein Luxus, sondern Teil wirksamer Resilienz.
  • Rollen rotieren und Redundanz aufbauen, damit nicht immer dieselben Personen von Krise zu Krise die Hauptlast tragen.
  • Strukturelle Single Points of Failure identifizieren: Wenn der Ausfall einer Person die Krisenorganisation ernsthaft gefährdet, liegt ein Strukturproblem vor.
  • Entscheidungsqualität bewusst schützen, besonders unter hoher Last. Ein einfaches Instrument dafür ist das 10-for-10-Prinzip: kurz innehalten, Lage ordnen, dann entscheiden.
  • Psychologische Sicherheit stärken, damit Teammitglieder Belastungsgrenzen rechtzeitig benennen können, bevor aus Überlastung ein Sicherheitsrisiko wird.

Wenn sie Wünsche oder Anregungen haben, freue ich mich über eine E-Mail: podcast@krisenmeisterei.at.

Vielen Dank fürs Zuhören und auf Wiedermeistern bei der nächsten Folge!

⇒ Zurück zur Episode

⇒ Transkript

Nach oben scrollen